1931

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  • 31. Dezember: Zur Zeit der Weltwirtschaftskrise stellt die Firma Henschel die Arbeit vollständig ein und die verbliebenen 1000 Arbeiter werden nach Hause geschickt. Erst am 9. Mai 1932 wird die Produktion wieder aufgenommen, allerdings zu stark gekürzten Löhnen.

Sonstige

"Der Küche wird nichts geschenkt"

Die Arbeitslosigkeit steigt weiter an, die Armut nimmt zu - und selbst die Reichen haben ihre Probleme. 1931 - ein Jahr der Wirtschaftskrise.

"Wir erhalten soeben eine Nachricht, die den Wandel der Zeiten besser illustriert als tausend andere Dinge, die sonst an unser Ohr dringen. Wie wir hören, hat Herr Oskar Henschel den Antrag gestellt, seine große Villa, die seinerzeit von seinem Vater mit erheblichem Kostenaufwand gebaut wurde, abzureißen... Als Grund für die Absicht, dieses hervorragend schöne Gebäude dem Erdboden gleichzumachen, wird die übermäßig hohe Hauszinssteuer und die Unmöglichkeit, zur Zeit einen Käufer für das Grundstück zu finden, angegeben. " Die Nachricht im Kasseler Tageblatt, datiert vom 4. Dezember 1931, sorgte für Gesprächsstoff in Kassel. Zwar gab es noch Bemühungen der Stadtverordneten, das wunderschöne Gebäude auf dem Weinberg zu erhalten - Ende 1932 aber war es trotz aller Proteste abgerissen.

Die Hauszinssteuer, die Henschel für seinen Prachtbesitz entrichten mußte, war in der Tat eine happige Abgabe: Die Villa war mit 33.000 Mark pro Jahr belastet - eine Steuer, die den Besitzern von alten Häusern auferlegt worden war. Damit wollte man die nach der Inflation entstandenen Gewinne der Hauseigentümer erfassen und mit der Steuer neue Häuser bauen.

Stadtväter und Unternehmer hatten in diesen Zeiten aber eigentlich ganz andere Sorgen: Die Firma Henschel wollte in diesen Tagen wegen Absatzschwierigkeiten auf dem Lokomotivmarkt ihre Produktion vorübergehend komplett einstellen, die Firma Crede kam um Stillegungen in der zweiten Jahreshälfte nicht herum. Die Arbeitslosigkeit und die Armut in der Stadt waren mit die bedeutendsten Themen dieses Jahres.

33.700 Arbeitslose Die Arbeitslosenzahlen waren im Deutschen Reich von 4,4 Millionen zum Jahresanfang 1931 auf 5,66 Millionen am Jahresende gestiegen - der Kasseler Arbeitsmarkt passte sich dieser Entwicklung an. Acht Jahre zuvor, 1923, hatte man beim Kasseler Arbeitsamt noch 2.500 Arbeitssuchende gezählt, im Juli 1930 waren es 21.000 und im Februar 1931 gar 33.700. Hinzu kam die extrem problematische Situation auf dem Wohnungsmarkt: 6.600 Menschen suchten in der Stadt eine Wohnung, fast 2.900 davon eine Zwei-Zimmer-Wohnung mit Küche.

Hochkonjunktur also für alle, die mit dem Kampf gegen die Armut zu tun hatten: Die Volksküchen können sich über mangelnden Zulauf nicht beklagen. Die Bilanz der Betreiber sieht in diesen Tagen düster aus: Vom Kaufmann, dem die Wirtschaftskrise die Existenz genommen hat, über Handwerker bis hin zu Arbeitern, die seit Jahren keinen Job mehr ausüben konnten - alle stehen mittags um 12 Uhr Schlange, wenn das Essen ausgegeben wird. Allein in der Polizeiunterkunft an der Hohenzollernstraße (heute Friedrich-Ebert-Straße) werden täglich 250 Portionen ausgegeben: Jeder erhielt ein Liter Essen - dicke Suppe oder Zusammengekochtes.

Vor dem Karlshospital an der Fulda, dessen Ruine heute noch zu sehen ist, gab es täglich eine Schlange von 300 Menschen. Dort gab es Eintopf, und der Leiter des Karlshospitals, Wilhelm Kröning, machte den Hungernden mit Sprüchen Mut: "Eher wird sich der Darm verrenkt, als der Küche was geschenkt" stand dort an der Wand.

In die Zeit passte eine eher pragmatisch-bürokratische Maßnahme dieses Jahres: Kassel erhielt an der Gießbergstraße unweit des heutigen, neuen Gebäudes ein neues Arbeitsamt. Es wurde am Dienstag, 30. Juni, eingeweiht. Geplant hatte man Kosten von einer Million Mark - in der Endabrechnung beliefen sich die Kosten aber lediglich auf 550.000 Mark für den Bau und 40.000 Mark für die Inneneinrichtung. Dieses Gebäude überstand den Krieg und wurde erst in den 1970er Jahren abgerissen. Das neue Arbeitsamt ist zwar um einiges größer - doch die Zahlen gleichen sich mittlerweile wieder.

Krawalle fordern fünf Tote

Schon 1930 hatte es Unruhen in Kassel gegeben - auch 1931 sorgten Straßenschlachten für Schlagzeilen. Und: Fünf Menschen starben.

Die sozialen Probleme, der härter werdende Streit zwischen den extremen politischen Gruppierungen - die Entwicklung, die in diesen Jahren das Deutsche Reich prägt, macht auch vor Kassel nicht halt. Das Jahr 1931 steht auch in der Fuldastadt unter dem Einfluß zunehmend brutaler werdender Straßenkämpfe.

Im Mai gab es das erste Todesopfer: Nach Zeitungsberichten werden am Abend des 13. Mai 20 Stahlhelmleute in der Holländischen Straße von 50 bis 80 Personen überfallen (Stahlhelm = Bund der Frontsoldaten, deutschnational ausgerichtet, später zunehmend der antidemokratischen Rechten zugeneigt).

Die Täter, so hieß es in der Presse, waren Kommunisten. Ein Stahlhelmmann wurde getötet, sieben wurden verletzt. Eine Belohnung von 1.000 Reichsmark wurde ausgesetzt.

In der Altstadt

Der nächste Zwischenfall ereignet sich am 10. Juni 1931 in der Altstadt: Die sozialen Probleme in der Stadt treiben die Menschen auf die Straße. Die Polizeikräfte werden verstärkt, was auf die Menge provozierend wirkt. Die Lage spitzt sich zu - gegen 23 Uhr fällt dann ein Schuß, der 21jährige Wachtmeister Willi Kuhlmann wird an der Ecke Wildemannsgasse/Marktgasse getroffen, stirbt kurz darauf im Krankenhaus. In den nächsten Tagen gehen die Unruhen weiter: Die Polizei gibt Warnschüsse ab. In den nächsten Tagen sterben drei weitere Menschen an Schußverletzungen. Wer sie getötet hat, wird nie geklärt. Obwohl mehrere Verdächtige verhaftet werden, konzentriert sich die Justiz nur auf den Kommunisten Hans Becker. 1933, inzwischen haben die Nationalsozialisten die Macht im Reich übernommen, wird Becker im Zuchthaus Wehlheiden hingerichtet.

Was weiß die Welt von Kassel?

"Teilen Sie mit kurzen Zeilen Ihre Erfahrungen darüber mit, was die Leute, mit denen Sie draußen in Berührung gekommen sind, von uns gewußt haben. Der Fremdenwerbung für Kassel kann damit ein guter Dienst erwiesen werden." So lautete der Aufruf des Verkehrsvereins Kassel im Kasseler Tageblatt am Mittwoch, 11. Februar 1931. Grund: Der Verkehrsverein wollte eine Markt-Analyse erstellen um herauszufinden, "was man von uns, von Kassel und Wilhelmshöhe, weiß und - auch nicht weiß."

Was bei der Befragung herausgekommen ist, ist nicht bekannt und war wegen der bevorstehenden Kriegswirren vom Stadtmarketing nicht umzusetzen. Sicher ist nur: An der Problemstellung hat sich bis heute nichts geändert. (hos)

Staatstheater Kassel: Schließung abgewendet

Krise am Staatstheater - für das Kasseler Haus beileibe nichts Neues. Tief in der Krise steckte das Kasseler Staatstheater 1931. Grund: Die bevorstehende preußische Notverordnung, nach der alle Staatstheater bis auf das Opern- und Schauspielhaus Berlin geschlossen werden sollen.

"Nur ein Banause kann darauf drängen, dass in Notzeiten Theater überflüssig sei", schrieb die Kasseler Post. Der Protest formierte sich, verschiedene Lösungsmodelle, unter anderem die Übertragung an einen privaten Unternehmer, wurden diskutiert. Der Kompromiss: Das preußische Staatstheater Kassel ging auf Zeit in die Verwaltung über. Der Staat gab einen Zuschuß.


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