1921

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Sonstige

Kultur und Eier teuer bezahlt

Kassel 1921: Eine Stadt, in der sich die Kunst entfaltete. Aber auch eine Stadt, an der die einsetzende Inflation nicht vorüberging.

Schwer hatte es, wer in der ersten Januarwoche des gerade begonnenen Jahres 1921 die Zeitungen aufschlug und unter der Rubrik der Veranstaltungshinweise zu lesen anfing. Wahrhaft schwer, sich zu entscheiden. Denn Kassels Kulturlandschaft blühte in aufregenden Farben. In den Staatlichen Schauspielen wurde "Die Zauberflöte" gegeben, im Residenztheater ging "Das Schwarzwaldmädchen" über die Bühne, das Neue Theater zeigte "Neue Spezialitäten", und und und ...

Die Fülle des Kasseler Kunstbesitzes offenbarte sich am 17. Juli 1921, als Oberbürgermeister Philipp Scheidemann die Städtische Gemäldegalerie im zweiten Stock des Residenzschlosses am Friedrichsplatz eröffnete. Die Werke, die da in ehemaligen Kriegswohnungen ausgestellt wurden, hatten jahrelang in den Fluren und Dienststuben des Rathauses gehangen. "(...) eben dieser Mangel mochte es wohl auch sein, der im Gegensatz zu anderen Städten zu Stiftungen von Kunstwerken an die Stadt wenig ermutigte", heißt es im Juli-Heft 1921 des Heimatblattes Hessenland.

Dem war also Abhilfe geschaffen worden: Die Stadt konnte das Palais zu einem niedrigen Mietpreis nutzen, das Finanzministerium lieh die Möbel.

Zwölf Jahre später filterten die Nazis die von ihnen als "entartete Kunst", diffamierten Werke aus der Sammlung aus, verkauften oder zerstörten sie. Während des Krieges zerstreute sich der Rest. Erst 1954 wurde im Bellevueschlößchen die Städtische Galerie wiedereröffnet, 1971 mit der Staatlichen zur Neuen Galerie zusammengelegt.

Ein kleines Stück Filmgeschichte wurde in Kassel mitgeschrieben. 1919 hatte sich die Herkules-Film-Gesellschaft gegründet, 1920 waren die ersten drei Filme fertig, 1921 wurde einer davon - "Weib" - erstmals öffentlich aufgeführt. Einen anderen, eine Groteske, bekam das Publikum nie zu sehen. Die Detektivgeschichte "Die schwarze Kassette" zeigte wunderbare Dorf- und Landschaftsaufnahmen aus der Schwalm. Die Herkules-Film-Gesellschaft bestand zwar nur wenige Jahre; durch "Weib" und "Die schwarze Kassette" drang jedoch auch Kasseler Kolorit durch den deutschen Stummfilm.

Am 22. September 1921 wurde das Medium Film in Kassel noch auf ganz andere Weise genutzt: Im Theatersaal der Stadthalle hatten Jugendamt und Stadtschulverwaltung zu einer Eröffnungs-Lehrfilmvorführung eingeladen. Lehrfilme wurden danach an allen Schulen und in der Erwachsenenbildung eingesetzt. Sie sollten auch den Einfluß oberflächlicher Unterhaltungsfilme eindämmen. Der Lehrer Hermann Schulz, der nach dem Zweiten Weltkrieg auch das Kasseler Naturkundemuseum übernahm und wieder aufbaute, richtete ein Magazin von Bildern und Filmen ein, auf die zum Teil immer noch zurückgegriffen werden kann: die Stadt- und Kreisbildstelle.

Der Stadtpark, gelegen zwischen Garde-du-Corps-Straße, Wilhelms-, Fünffensterstraße und Oberer Königsstraße, hatte sich unter seinem Pächter, dem ehemaligen Militärmusiker Georg "Schorsche" Henkel, zu einem Herzstück Kasseler Gastronomie und Kultur entwickelt. So siedelte auch der Schauspieler, Intendant und Regisseur Bodo Bronsky nach einem Gastspiel im Residenz-Theater mit seinen "Kammerspielen Jena" in den kleinen Saal des Stadtparks über und eröffnete am 1. Juni 1921 die Spielzeit mit Molnars "Leibgardist". Bronsky hauchte dem Kasseler Theater neues Leben ein. Bei ihm, der er als besessener Schauspieler galt, wurde Wedekinds "Frühlingserwachen" aufgeführt, Gorkis "Nachtasyl", Wildes "Idealer Gatte". Im September 1921 wechselte Bronskys Bühne unter dem neuen Namen "Casseler Kammerspiele" in die Bürgersäle der Oberen Karlsstraße. Zwischen Henkel und Bronsky hatte es heftige Zwistigkeiten gegeben; Henkel erklärte, sein Mietverlust würde sich bereits auf 25000 Mark belaufen. Auch in den Bürgersälen hatten die "Kammerspiele" kein Glück. Die Inflation fraß alle Einnahmen auf, auch Gastspiele konnten das Unternehmen nicht mehr retten. Bronsky verließ bald darauf Kassel.

Die beginnende Inflation machte nicht nur den Künstlern zu schaffen. So kosteten auf dem Ostermarkt die Eier pro Stück 1,10 Mark und wurden im Laufe des Nachmittags ob des starken Zuspruchs immer teurer. In seinem "Kasseler ABC" zum Jahresende bringt Siegmund Dispeker die Situation auf den Punkt. Auf der einen Seite teure Extravaganzen, die die 20er Jahre zu den "Goldenen" werden ließen, auf der anderen Ebbe in den Kassen: "Der Tango war exzentrisch ohne Zweifel, das Telefon wird teurer noch, pfui Teufel! Und willst du ins Theater mit dem Schätzchen, so kostet 30 Mark ein Sperrsitzplätzchen." Und: "An 1921 war nichts gut als der Wein. Aber der wird so teuer, daß ihn nur die Besatzungstruppen der Entente und die ganz Reichen trinken bzw. bezahlen können. Ohne Prophetengabe kann man aber schon eine Voraussage für das Jahr 1922 geben: es wird noch viel teurer als sein Vorgänger!"


Schwarz-weißes Flimmern im grünen Garten

"Der Mond lächelte von oben herein. Flimmernde Sterne zogen am Nachthimmel auf. Die Rathausuhr hatte Beleuchtung aufgesteckt und sah aus wie ein zweiter Erdtrabant. (...) Dann trat die weiße Wand in Erscheinung. Jenes reizende Lustspiel "Die Austernprinzessin" (von Ernst Lubitsch) wurde abgerollt." Begeistert berichteten die Kasseler Neuesten Nachrichten (KNN) am 18. Juni 1921 von der Eröffnung des Freiluftkinos im Kasseler Stadtpark am Vorabend. Ein absolutes Novum hatte die Kasseler in jener Sommernacht in seinen Bann gezogen. Erste Open-Air-Filmveranstaltungen hatten zwar schon 1913/14 in Berlin stattgefunden; aber vermutlich war das Freiluftkino im Stadtpark als erstes in Deutschland eigens zu diesem Zweck errichtet worden ("Kino, Film und Video: Aspekte der Kasseler Filmgeschichte"). Was heute während der Sommermonate die Besucher des Open-Air-Kinos im Dock 4 begeistert, gefiel auch schon 1921: "Ein Kino, in dem geraucht werden kann und wo es sogar zu trinken gibt." (KNN) Und eben jene zauberhafte Stimmung, die in den KNN in so poetischen Worten heraufbeschworen wird.


Es grünte so grün

Das Bild ihrer Stadt, so scheint’s, lag den Kasselern schon immer an ihren stolzen Herzen. So geben auch die Tageszeitungen aus dem Jahr 1921 zahlreiche Diskussionen um stadtplanerische Veränderungen wider.

Von einem "Attentat auf Kassels Städtebild" ist zum Beispiel am 4. Januar 1921 in der Kasseler Allgemeinen Zeitung die Rede, nachdem sich offenbart hatte, daß zwei der acht Zypressen vor dem Palais Bellevue abgeholzt worden waren. Die anderen Bäume, so kündet der Artikel in unheilschwangeren Worten, sollen noch folgen. Die Anklage ist bitter: "In diesem Falls scheinen sich Motive persönlicher Färbung mit dem ins Krankhafte gesteigerten Freilegungsdrang gewisser örtlicher behördlicher Stellen zu paaren, (...) Protest sei erhoben gegen durch nichts gerechtfertigte Willkür, die Hand anlegt an den kümmerlichen Rest uns noch gebliebener kultureller Güter!"

Anderes Beispiel: Das Spohr-Denkmal auf dem Friedrichsplatz. "Es war ein bitterböser Krieg, als es hieß, das Spohr-Denkmal würde seines grünen Rahmens beraubt", heißt es am 25. März 1921 in den Kasseler Neuesten Nachrichten. Grünpflanzen und Buschwerk rund um die Statue sollten entfernt werden, um den Blick auf das Waitzsche Palais freizulegen. Die Stadt setzte ihre Ansichten, wenn auch leicht abgeändert, durch. Das Ergebnis konnte sich laut Zeitungsbericht sehen lassen: "Die Struktur des Palais mit dessen schönen Umrissen und allen Eigenheiten tritt unverhüllt hervor."

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