1915

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Sonstige

Brot aus Kartoffeln, Braten ohne Fett

Knappe Lebensmittel, Kriegsverletzte, Hamsterfahrten: 1915 ging der Krieg in das zweite Jahr. Im Februar stirbt die Unternehmerin Sophie Henschel.

Sie hatten sich so viel vorgenommen. Ein schnelles Kriegsende, gemeinsam Weihnachten feiern. Sich wieder sattessen... Stattdessen kam es hart:"Wer Brotgetreide verfüttert, versündigt sich am Vaterlande und macht sich strafbar", mahnte bereits im Januar die "Hessische Post". Eine Kasselerin schilderte den Jahresbeginn so: "Unbedingte Vorsorge, pflegliche und sparsame Behandlung der vorhandenen Nahrungsmittel wird zur dringenden Forderung."

"Hausfrauenpflichten in schwerer Zeit" - Vorträge darüber waren bestens besucht. Wie verwerte ich Küchenabfälle, backe Brot aus Kartoffeln, brate ohne Fett? Kochkisten sollten Energie sparen helfen, man unternahm erste Hamsterfahrten aufs Land und übte sich zwangsläufig im Gartenbau. Eine Beratungsstelle für Hausfrauen entstand, die den wacker die Familie ernährenden Frauen zur Seite stand. 1915 verteilte man erstmals Fettkarten in Kassel, und am 26. Oktober wurde schließlich der Kasseler Hausfrauenverein gegründet: Von ihm erhofften sich die Frauen, die ihre Familien vor dem Verhungern retten wollten, die Lösung ihrer Probleme. Stundenlanges Anstehen um Lebensmittel, Kleider, Schuhe, Seife, das war der Alltag.

"Verdeutschungen"

In der Zeitung - immer wieder Aufrufe; zum Restesammeln für die "Reichswollwoche", zum Sparen von Petroleum. Und dann das: Laut Anordnung des stellvertretenden Generalkommandos galt es, ab Oktober "Fremdwörter in Gewerbebetrieben" zu vermeiden. Die "Hessische Post" druckte eine Liste mit "Verdeutschungen" ab; für weitere Auskünfte bot sich der Zweigverein des Allgemeinen Deutschen Sprachvereins an. Unterschrift: "Cassel, den 1. September 1915. Der Polizeipräsident: Frhr. v. Dalwigk."

Da sollten die Casseler statt Abonnement Dauerbezug schreiben, statt Institut Anstalt, statt Kontor Geschäftszimmer, und Telephon, Thermometer und Toilette hießen bitteschön hinfort Fernsprecher, Wärmemesser und Abort. Und wehe, wer noch immer von "Vibration" sprach. Das hieß jetzt offiziell Zitterknetung. Man war national gestimmt, und obwohl die Truppen nicht, wie erwartet, schon Weihnachten 1914 siegreich ins Reich heimgekehrt waren, wurde "das große Gefühl der Hingebung für das Vaterland" genährt. So gesprochen am 2. September von Arzt Dr. Felix Blumenfeld im Ehrenhof des Kasseler Rathauses. Der Mitbegründer des Kinderkrankenhauses Park Schönfeld und dessen erster leitender Arzt, Kunstmäzen und Stadtverordneter hatte angeregt, was zum herausragenden lokalen Ereignis des Jahres werden sollte: Die Nagelung des Altkasseler Zaitenstocks.

Die "eiserne Zeit"

Aus hessischer Eiche war ein Brunnen-Obelisk gezimmert worden, und der sollte im Rathausinnenhof mit Nägeln beschlagen werden, das Stück für 50 Pfennige - viel Geld in einer Zeit, wo "Backfisch-Mäntel" laut Zeitungsanzeige für 6,50 Mark angeboten wurden. Sinn der Gemeinschaftsaktion war es, die Kriegsbeschädigten zu unterstützen. Zaitenstöcke, das waren im alten Kassel Brunnenstöcke gewesen, aus denen an der "Zeute" (die sich später in "Zaite" verwandelte), also der Schnauze, Wasser entnommen werden konnte, das durch Röhren von Quellen am Stadtrand ins Stadtinnere geführt wurde.

Es sollte der Zaitenstock aber zugleich an die "Eiserne Zeit" erinnern, wie man damals den Weltkrieg nannte. Also strömten sie zum Rathaus, die Vereine, Innungen und Schulen, mit Fahnen und Musik. Dichtgedrängt standen die Zuschauer, die Fenster waren besetzt. Oberbürgermeister Koch hielt eine Ansprache, und in der Zeitung stand am nächsten Tag, "machtvoll erklang dann der gemeinsame Gesang des ,Deutschland, Deutschland über alles’".

Währenddessen tönten Hammerschläge durch den Hof, "Mann (stand) an Mann gereiht, ohne Unterschied der Stellung und der Anschauung" (Blumenfeld); jeder, der genagelt hatte, erhielt eine Urkunde. Bis zum zweiten Welkrieg blieb der Zaitenstock dann auf einem steinernen Sockel neben dem Wimmelhaus in der Fuldagasse.

Sophie Henschel gestorben

Am 5. Februar ist sie gestorben: Sophie Henschel. Durch ihre Ehe mit dem Eisenbahnfabrikanten Oscar Henschel hatte sie zugleich in den Clan der "Henschelianer" eingeheiratet und sich von da an zeitlebens hingebungsvoll den sozialen Belangen der Firma gewidmet: Sie gründete eine Fortbildungsschule für Lehrlinge, einen Fonds für kranke Arbeiter und eine Witwen- und Waisenkasse.

Nach dem Tod ihres geliebten Mannes 1894 hatte sie über 20 Jahre lang eines der größten Eisenbahnimperien des Kaiserreichs geführt - als erste deutsche Managerin. Fehlende Schulbildung hatte sie durch Fleiß wettgemacht; später erinnerte man sich: "Eine Frau, ein Mensch, ein Segenspender."

siehe auch

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