1910

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Sonstige

Henschel größtes Lokwerk Europas

Das Henschelwerk in Rothenditmold im Jahr 1873
Werk Mittelfeld der Henschel & Sohn AG 1916

Es herrscht Frieden im Land und das schon geraume Zeit. Die gesellschaftliche und die wirtschaftliche Entwicklung schreiten voran. Auch in Kassel profitieren die Menschen von den positiven Rahmenbedingungen. Herausragendes Beispiel: die Firma Henschel und Sohn. Die gelangte mit ihren Werken am Möncheberg und in Rothenditmold an die Spitze des europäischen Lokomotivbaus. Ein Indiz für die gestiegene Leistungsfähigkeit: seit 1900 wuchs die Zahl der Werksangehörigen von 2220 auf 6149.

Im August 1910 gibt es Anlaß zur Freude. Das Familienunternehmen in der fünften Generation besteht seit 100 Jahren, und die 10000. Lok verläßt die Werkshallen. "Aus den kleinsten Anfängen hat es sich zu dem größten Werk seines Industriezweiges in Europa entwickelt", heißt es in der 147 Seiten dicken, großformatigen Festschrift.

Die Liste der Gäste ist lang. Seine Majestät der Kaiser wird von Generaloberst von Plessen vertreten. Die japanische Staatsbahn ist mit fünf Personen anwesend, andere kommen aus Buenos Aires, Rom, Kopenhagen, Aalberg, Bukarest, Prag, London, Brüssel, Paris und New York. Die "hochverehrte Festversammlung" begrüßt der technische Direktor Witthöft mit poetisch klingenden Worten: "Es ruht der Hammer und die Feile, still stehen die Motoren, verstummt ist das Aechzen der Maschinen und das Kreischen der Riemen - heute ist Feiertag".

Der Ursprung der Firmen-Geschichte liegt im Jahr 1777, in dem Georg Christian Carl Henschel von Gießen nach Kassel kam. Er entstammt einer Glocken- und Stückgießerfamilie. Sohn Carl Anton Henschel tritt in den technischen Staatsdienst, wird Assistent beim Baudepartement. Dessen Bruder Johann Werner Henschel wird zunächst Bildhauer. 1810 kehrt er aus Paris zurück und gründet zusammen mit seinem Vater eine kleine Fabrik. In die steigt sieben Jahre später Anton, er hatte es inzwischen zum Ober-Berginspektor gebracht, als Teilhaber ein.

Man verlegte sich mehr und mehr auf den Maschinenbau, zu deren Begründern Carl Anton Henschel in Deutschland gehört. Mit seinem Namen werden grundlegende Erfindungen verbunden wie tragende Ketten- und hydraulische Kastengebläse, Röhrendampfkessel- und Turbinenkonstruktionen.

Dessen Sohn Georg Alexander Carl Henschel, 1810 geboren, nahm 1840 den Bau schwerer Werkzeugmaschinen und schließlich den Lokomotivbau auf. Die Nummer 1, der "Drache" für die Friedrich-Wilhelms-Nordbahn zu Kassel verließ im Juli 1848 die Henschelsche Fabrik.

Zwölf Jahre vergingen, bis die ersten 50 Loks hergestellt waren, im Jubiläumsjahr ist die Jahresproduktion auf 800 gestiegen. Die Lieferfristen für eine Neukonstruktion haben sich in den letzten zehn Jahren mehr als halbiert, von sieben bis neun auf drei bis vier Monate. Ein Verdienst aller Henschelaner, ob in einem von vier Konstruktionsbüros, in der Gießerei, im Rahmenbau, im Kohlenlager, im Pferdestall, in der Automobilhalle.

Zwischen den Geschäftsinhabern Karl Anton Theodor Henschel sowie seiner Mutter, der verwitweten Frau Geheimrat Sophie Henschel, und den Mitarbeitern bestehe "das denkbar beste Verhältnis" heißt es in der Festschrift. "Trotz der bedauerlichen Strömungen, welche einen erheblichen Teil der heutigen Arbeiterschaft mitreißen." Nicht jedoch im Henschelwerk, dazu tragen die guten Arbeitsbedingungen und Löhne sowie die zahlreichen Wohlfahrtseinrichtungen bei.

Die sind laut Oberbürgermeister Müller "mustergültig". Ob Fabrikkrankenkasse, Walderholungsstätte Kragenhof, beitragsfreie Unfallversicherung, ob die Invaliden-, Witwen- und Waisenkasse für die Arbeiter, ob Henschelfonds für unverschuldet in Not geratene Mitarbeiter, die Firma kümmert sich. Sie bildet Lehrlinge weiter, Töchter und Frauen in einer Haushaltungsschule aus. Im Wohlfahrtshaus gibt es eine "Schule für Kleinkinder", einen Übungsraum für den Henschelchor und eine Badeanstalt. Brause kostet fünf, Wannenbad 15 Pfennige einschließlich Handtuch und Seife, halb soviel wie in städtischen Anstalten.

460 Wohnungen

Henschel und Sohn helfen dem "Mangel an guten und billigen Wohnungen" ab. "Die hohen städtischen Grundstückspreise zwangen zur Anlage von Reihenhäusern und größeren Häuserblocks. Sämtliche Häuser sind mit Wasserleitung und Kanalisation versehen. Die um die Kasseler Fabrikanlage gelagerten Gebäude erhalten von letzterer elektrisches Licht." Im Firmenbesitz befinden sich 77 Wohnhäuser mit zusammen 460 Wohnungen. Drei Zimmer stehen den Arbeitern in den Wohnblocks zur Verfügung. Beamte haben je nach Stellung vier und mehr Zimmer, zum Teil in Einzelhäusern mit Garten.

Prinz-Heinrich-Fahrt

Zum dritten Mal findet die Prinz-Heinrich-Automobil-Wettfahrt statt, zum ersten Mal macht sie Station in Kassel. Am Freitag, 3. Juni, treffen die Fahrzeuge gegen Mittag ein. Sie waren am Tag zuvor in Berlin gestartet. Dixi, Vauxhall Deuz, Brennabor, Gaggenau, Mercedes, Adler Bergmann-Matallurgique, Benz, Opel heißen die "Stinkedroschken", die begeistert empfangen werden wie auch ihre Fahrer. Der Motorsport ist noch ganz die Domäne der gehobenen Schichten: Prinz Heinrich von Preußen, Prinz Eugen von Ratibor, die Brüder Opel, Herzog Ludwig von Bayern und Direktor Daimler aus Stuttgart halten in Kassel. Die Wettfahrt geht über Melsungen, durch Bayern, Württemberg und Elsaß-Lothringen zum Ziel nach Bad Homburg.


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Quellen und Links

  1. HNA.de vom 9. November: „Bähnchen“ war zuerst umstritten.